Artikel von Nathalie Krier in – Mit Kindern wachsen – (Ausgabe 01/2024)
Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in meinem Garten, knabbere an einem Radieschen und freue mich über das frische Grün, durchsetzt mit farbenprächtigen Flecken.
Meine Rosen öffnen sich so langsam wieder. Wie jedes Jahr, ein kleines Wunder.
Das bringt mich zu einem anderen kleinen Wunder in unserem Leben: unsere kleine Tochter Lou. Sie ist heute Vormittag bei ihrer Tagesmutter, spielt, hat Kontakt mit gleichaltrigen Kindern, geht spazieren. Dankbarkeit für ihre Tagesmutter erfüllt mich, die sie so bereitwillig und offenherzig in ihrer kleinen Gruppe aufgenommen hat. Lou geht gerne zu ihr – ich kann im Garten sitzen und schreiben.
Vor fast genau zwei Jahren war das undenkbar. Vor fast genau zwei Jahren hatte Lou ihren Unfall: Mit 16 Monaten ertrank sie im Teich hinter unserem Haus, an einem schönen, sonnigen Junitag. Dieser Tag krempelte mein ganzes Leben um.
Heute sehe ich, was alles entstehen kann, auch aus Momenten, in denen einem der Teppich unter den Füßen weggezogen wird.
Ich ziehe sie aus dem Wasser, mein Mann reanimiert, ein Freund ruft die Rettung. Stunden später komme ich auf der Intensivstation an, auf die sie der Helikopter gebracht hat.
„Was ist passiert? Wie lange war sie unter Wasser?
Welche Temperatur hatte das Wasser?“
Später stellt sich heraus, dass unsere Antworten auf diese Fragen nur desaströse Schlussfolgerungen zulassen.
Aber erst einmal kämpfen wir um ihr Überleben. Ich bin beeindruckt von dem Ärzt*innenteam auf der Intensivstation. Sie begegnen uns mit Mitgefühl und Menschlichkeit, arbeiten äußerst konzentriert, besonnen und freundlich zusammen, kommunizieren achtsam. Ich bin beeindruckt. Sie nennen es wahrscheinlich nicht so, aber das ist Achtsamkeit.
Meine Praxis trägt mich auch in diesen Tagen, ich meditiere hinter zusammengeklappten Krankenhausbetten, umgeben von wummernden und piepsenden Maschinen. Selbstmitgefühl und Achtsamkeit tragen mich buchstäblich durch diese Tage.
Ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als wir ins Büro gingen, um mit dem Arzt das MRT-Bild von Lous Gehirn zu besprechen. Ich wusste, dass es nicht gut aussah, ich wollte nicht in diesen Raum. Allein meine Füße trugen mich, einen Schritt nach dem anderen, ganz bewusst: anheben, abrollen, Knie beugen, schweben, absetzen …
Die Bilder waren verheerend, die Prognose miserabel, katastrophal. Ich konnte nur den Arzt anschauen, nicht meinen Mann oder die Krankenschwester. Ich hätte es nicht ausgehalten.
Ein paar Tage später sitze ich mit meiner Freundin im Park, vor mir: Bäume, eine kleine Bühne, Poesie und Musik. In diesen Tagen überrascht mich des Öfteren der Gedanke, wie sehr Wunderbares und pures Leid doch beieinanderliegen.
Yin und Yang.
Alles ist da. Ich gehe sehr achtsam mit diesen Momenten um, sind sie doch unendlich kostbar. Ein freundliches Lächeln, mitfühlende Worte, das Einzige, was bleibt, wenn alles andere im Chaos versinkt.
Ich weine am Bett meiner Tochter, eine Krankenschwester tritt zu mir und sagt: „So wird es nicht bleiben. Ganz sicher nicht!“
In Mitgefühl und Selbstmitgefühl den Blick weiten – Leiden ist immer akut, immer aber auch unser Leben so viel mehr als dieses Leid
Der Neurologe spricht von der versteckten Seite des Mondes. Wir können nur die uns zugewandte Hälfte sehen. Dies gibt mir Hoffnung und Kraft. Nicht-Wissen. Niemand weiß, wie es sein wird, morgen, in einer Woche, in einem Jahr.
Ich stehe am Bett meiner Tochter und mir wird bewusst: Ich bin nicht sie. Ich kann kämpfen, ich bin gesund, ich habe Kraft und auch mein eigenes Leben. Dieser Perspektivwechsel erlaubte mir, etwas Distanz zuzulassen, wieder den Blick zu weiten, das große Ganze wahrzunehmen.
Wie die Geschichte mit dem Salz. Ein Novize beschwerte sich häufig, da schickte der Mönch ihn Salz holen. „Gib es in das Glas und trink davon.“ Der Schüler tat, wie ihm geheißen. „Und wie war es?“, fragte der Mönch. „Sehr salzig.“ Nun hole einen Eimer, und tue das Gleiche. Wieder tat der Schüler, wie ihm geheißen. „Weniger salzig“, sagte der Schüler. Der Mönch lächelte. „Komm“, beide gingen schweigend zum See. Der Mönch leerte eine Handvoll Salz in den See. „Jetzt trinke vom See“, forderte er den Schüler auf. „Und, schmeckst du das Salz?“ „Nein“, antwortete der Schüler.
Mir meines ganzen Lebens bewusst zu werden, erlaubte mir, wieder klarer zu sehen. Ich habe noch drei weitere Kinder, gesund und munter, ich habe Freunde, ich mache eine Ausbildung zur Achtsamkeitslehrerin, ich habe viele Interessen, all das ist auch noch da, neben Lou.
Ich beginne mich zu erkundigen, wo uns weitergeholfen werden kann. Was sind die nächsten Schritte? Ich werde zur Löwin, ganz normal, schließlich ist meine Tochter ja auch eine – so wie sie um ihr Leben kämpft.
Einige Wochen später kommen wir in Bayern an, in einer Klinik, die spezialisiert ist auf Neurologie und Rehabilitation, auch bei den Kleinsten. Solch ein Zentrum gibt es hier bei uns in Luxemburg nicht. Dort fragt man uns, was wir uns wünschen. „Oh, na, dass sie wieder ganz gesund wird“, antworten wir lächelnd. „Nein“, wiegeln wir selbst ab, „dass sie mit uns am Tisch sitzen kann, am Leben teilhaben kann und lächelt.“ Erleichterung bei den Ärzt*innen: Einen Schritt nach dem anderen.
Vier Monate später verlassen wir Bayern wieder. Fahren endlich wieder nach Hause.
Vier Monate in der Klinik, in fremden Betten: Therapien, kranke Menschen, Leid, Freundlichkeit, Mitgefühl, Freude, Leichtigkeit – zwischen Seen, Weinschorle und Bergen.
Alles ist da. Den Blick weiten, immer wieder.
In dieser Zeit erfüllten sich unsere Wünsche, Lou machte einen Entzug von den schweren Medikamenten, lernte wieder, den Kopf zu halten, und lächelte. Sie war froh, konnte uns das zeigen: welch ein Geschenk, welch ein Wunder.
In dieser Zeit gab es weitere schwere Momente, Diagnosen, Untersuchungen. Ich lernte, auf mein Gefühl zu vertrauen.
„Lou ist blind. Ist sie nicht!
„Lou wird nicht wieder essen können.“ Kaum zu Hause, kochte ich Suppe.
„Lou wird nicht wieder laufen.“
„Nächsten Sommer zu unserer Hochzeit läuft sie!“, sagt mein Mann.
Ich lache und denke über Erwartungen nach.
Aber ja, sie läuft ein Jahr später und heute bewegt sie sich selbstständig durch Haus und Garten. Sie schmeißt Becher vom Tisch, zerrt grob den sehr geduldigen Hund zur Seite. Sie lacht.
Gelegentlich kommt ein „Mama“ oder ein „Papa“. Oft ein „Mehr“ oder ein „Nein“.