Menschen sind immer ein wenig unterschiedlich, und doch bemerke ich, dass viele es nicht gelernt haben, freundlich mit sich selbst umzugehen. Die eigenen Bedürfnisse zu kennen. Die eigenen Grenzen.
Sich Selbst.
Was brauche ICH?
Eine Frage, die oft nicht bewusst gestellt wird. Die Anforderungen und Erwartungen an uns sind hoch. Frauen sollen sanft und fürsorglich sein und sich kümmern. Männer sollen stark sein und für das Einkommen sorgen. Klingt wie ein Klischee? Stimmt. Aber eben doch nicht ganz. Ich kenne viele Paare, die versuchen, auch in die Care-Arbeit Balance zu bringen. Außerdem sind „weich“ und „stark“ für mich nicht nur einem bestimmten Geschlecht zugeschrieben, und doch ist diese Vorstellung weiterhin stark verbreitet. Balance bedeutet auch, beide Seiten leben zu können, und zwar für alle Menschen.
Für mich bedeutet Selbstfürsorge, Verantwortung für mich zu übernehmen. Meine Bedürfnisse zählen.
Ausgewogenheit allen und allem gegenüber, schließt Freundlichkeit uns selbst gegenüber mit ein. Verantwortung für uns zu übernehmen bedeutet, auch in diesem Moment, in dem es uns vielleicht gut geht, wir jung und vital sind, auf uns zu achten. Niemand erwartet, dass wir vollkommen ausbrennen, zumindest niemand, dem wir am Herzen liegen. Wir alle haben schon die Konsequenzen erlebt, wenn wir ständig über unsere Grenzen gehen. Burn-out, Stress, Migräne, Schlafstörungen, Sucht, Autoimmunkrankheiten. Alles Signale unseres Körpers und unserer Psyche. Sie zu ignorieren, weiter zu kompensieren, bedeutet, einen hohen Preis zu bezahlen. Immer mehr Studien belegen, dass Stress im Alltag und kontinuierlicher Druck für viele unserer Zivilisationskrankheiten verantwortlich sind. Steter Tropfen höhlt eben doch den Stein. Wir wissen heute jedoch auch, dass wir vieles beeinflussen können. Eine gesunde Lebensführung zahlt sich aus. Das betrifft Ernährung, Bewegung, Ruhe, Meidung von Umweltgiften genauso wie die Verbundenheit mit uns und anderen Menschen. Wichtige Zutaten für ein erfülltes Leben.
Kristin Neff schreibt in ihrem Buch ‚Kraftvolles Selbstmitgefühl für Frauen‘: „Wenn wir aus Selbstmitgefühl unseren Bedürfnissen gerecht werden, ist das weder egoistisch noch einseitig. Wer erkannt hat, dass im Herzen des Selbstmitgefühls geteilte Menschlichkeit liegt, muss weder sich selbst noch andere in den Mittelpunkt stellen. Vielmehr versuchen wir, so weise zu sein, dass wir das große Ganze, in den Blick bekommen und dadurch herausfinden können, was fair, ausbalanciert und nachhaltig ist. Verbundenheit ist ein wesentliches menschliches Bedürfnis, und das bedeutet auch, dass Handlungen, die unseren Beziehungen schaden, immer auch uns selbst schaden. Ein gesundes Gleichgewicht zwischen ‚tun, was man will‘ einerseits und ‚Mitmenschen helfen‘ andererseits ist für Mitgefühl wesentlich.“ (S. 228)
Und da wären wir dann wieder bei unseren Liebsten: Verantwortung für sich HEUTE zu übernehmen, bedeutet auch, diesen Menschen, unserem Partner, unseren Kindern später weniger oder nicht zur Last zu fallen.
Wie können wir das nun umsetzen?
Vielleicht mit kleinen Schritten. Sozusagen eine Minimalkonstanz einführen. Jeden Tag ein paar bewusste Atemzüge. Ein Sinnesspaziergang. Eine Tasse Tee am Nachmittag. Ein Blick aus dem Fenster. Unser Essen bewusst wahrnehmen, einen Moment sehen, was wir vor uns haben, daran riechen. Wenn wir jeden Tag einen winzigen Schritt zu uns hin machen, wird das eine Veränderung bringen. Und oft wachsen ganz neue Routinen aus diesen kleinen Schritten. Wir bemerken, wie gut es uns tut, und wollen mehr davon. So wird aus drei bewussten Atemzügen vielleicht die Gewohnheit einer zehnminütigen Meditation am Abend.
Ich mache seit einiger Zeit mein Bett jeden Morgen sehr sorgfältig, lege mir mein Buch bereit und schicke einen liebevollen Gruß an mich für den Moment, wenn ich zu Bett gehe. Zum einen freue ich mich abends über meine kleine Aufmerksamkeit, zum anderen erinnere ich mich, dass ich gerne in diesem Buch lese und es mich mehr erfüllt, als ständig Serien jeglicher Art zum Opfer zu fallen.
Ich meditiere auch jeden Tag. Meistens, und wenn ich mich nur für zehn Minuten hinsetze. Diese zehn Minuten kann mir keiner nehmen, und sie tun auch niemandem weh. Meine Kinder wissen mittlerweile: Wenn ich mich regelmäßig mir selbst zuwende, bin ich danach präsenter und ausgeglichener für sie da.
Sich immer wieder bewusst machen:
Ich tue das nicht gegen dich, ich tue das für mich.
Zeit, einmal nichts zu tun. Das fällt uns oft so schwer. Sind wir doch getrieben von endlosen To-do-Listen, unseren Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit. Freie Zeit ermöglicht es uns jedoch, gelegentlich den Mühen und Verpflichtungen des Alltags zu entfliehen, sie schafft Raum für Wachstum und Reflexion. Wir werden Selbst-bewusster. Das macht kreativ und steigert die Lebensfreude. Wir leiden, wenn wir nicht erfüllt sind, das kann sich anfühlen wie ein Felsblock, der jede Lebensfreude erstickt.
Manchmal bedeutet es auch, Nein zu sagen, und etwas nicht zu tun. Unsere Bedürfnisse wiegen genauso schwer wie die unserer Mitmenschen, weil wir uns selbst die Erlaubnis geben, gut für uns zu sorgen. Aber auch Nein sagen zu Dingen, die uns nicht wirklich guttun. Das kann der Serienmarathon sein, die dritte Pizza für diese Woche oder auch Beziehungen, die uns nicht wirklich nähren. Selbst-bewusster zu werden, sich kennenzulernen, bringt vielleicht auch solche Muster zutage. Menschen, die uns nicht wirklich guttun, Routinen, von denen wir wissen, dass sie uns eigentlich schaden. Es ist nicht immer einfach.
Achtsamkeit bedeutet, alles bewusst wahrzunehmen, von Moment zu Moment, freundlich und ohne zu bewerten.
Ein wichtiger Aspekt ist auch die Unterscheidung zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Wünsche sind stets auf der Suche nach etwas, das wir erreichen wollen: ein Haus, der nächste Urlaub, körperliche Attraktivität, finanzieller Erfolg. Bedürfnisse sind dagegen für unser emotionales und psychisches Überleben unerlässlich. Dazu gehören Sicherheit, Gesundheit, Verbundenheit und Lebenssinn.
In der Traumaarbeit ist es mir ein großes Anliegen, mit den Menschen, die zu mir kommen, Ressourcen auszuarbeiten. Wir alle benötigen Ressourcen. Sie helfen uns dabei, uns zu regulieren und unterstützen uns, unser Leben nach unseren wahren Bedürfnissen auszurichten. Das klingt für mich, nach einer essenziellen Komponente. Auch ohne an einem Trauma zu leiden, kann es sehr hilfreich sein, sich einmal ganz bewusst zu werden, was unsere Ressourcen in unserem Alltag sind. Das können äußere Ressourcen sein, wie ein besonderer Ort, Sport, eine Massage, ein Museumsbesuch oder die Natur. Innere Ressourcen, wie eine Fähigkeit, eine Stärke, positive Erinnerungen und Erfahrungen, Ziele und Visionen, innere Verbundenheit. Oder auch essenziell relationale Ressourcen, Verbundenheit mit lieben Menschen oder Tieren.